Bedingungsloses Grundinterview

Im Jahr 2015 fragte die Zeitschrift „Die Novelle“ bei mir an, ob ich ein Interview zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen geben würde. Das ist das Ergebnis, das nicht veröffentlicht wurde.

Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

Bemm ist ein zweischneidiges Schwert. Zum Einen verweist es auf eine humanistische Selbstverständlichkeit, nämlich, dass jeder Mensch in Würde leben können sollte, zum Anderen droht es in unseren antagonistischen Verhältnissen zu einem Mittel zum Abbau kapitalistischer Überproduktion zu verkommen.

Fakt ist, dass die Grundlage der bürgerlichen Ökonomie, nämlich die industrielle Massenproduktion von Waren, an ihre systemischen Grenzen geraten ist. Die Anzahl der Menschen, die in der Produktion direkt tätig sind und dort den Mehrwert erwirtschaften, wird gerade in den fortgeschrittensten Ländern sowohl absolut als auch relativ immer kleiner. In stark automatisierten Abläufen arbeiten immer weniger Menschen, der Anteil von Dienstleistungen und nicht unmittelbar produktiver Tätigkeit wird immer größer. Dennoch bleibt die Grundlage der Existenzsicherung der Bevölkerung ein Lohnsystem, das sich an der Produktivität misst. Das bedeutet, dass der „Wert“ eines jeden Menschen daran gemessen wird. All die Dienstleister, Informationsverwerter und -beschaffer erhalten ihre „Wertigkeit“ nur indirekt über ihre Bedeutung für die Massenproduktion. Ganz abgesehen von all den nicht beschäftigten Menschen, die zur Senkung der Einkommen der Beschäftigten herhalten müssen.

In Wahrheit aber führt diese babylonische industrielle Produktion zur systematischen Überproduktion von Waren. Es werden mehr Waren hergestellt als gebraucht werden oder auch nur theoretisch mit den gedrückten Löhnen der arbeitenden Menschen überhaupt konsumiert werden können. Der kapitalistische Produzent muss sich inzwischen seine Kunden „kaufen“. Man denke nur an die „Abwrackprämie“, die ein Muster für kommende „Konsumentenproduktion“ darzustellen scheint.

Bemm stellt hier ein zwar progressives, aber dennoch systemerhaltendes Konstrukt dar. Der nach wie vor kapitalistisch produzierte Mehrwert wird unter der abhängigen Mehrheit der Bevölkerung so gleichmäßig verteilt, dass ein kalkulierbarer Konsumfluss sichergestellt ist und die überproduzierte Ware quasi gesellschaftlich subventioniert ihre Abnehmer findet.

Als Schritt zur Offenlegung der systemischen kapitalistischen Widersprüchlichkeit ist Bemm also zu begrüßen, auch als Instrument zur sozialen Entspannung. Vom eigentlichen Ziel einer Gemeinschaft, in der jeder das tut, was er kann und das bekommt, was er braucht, ist es aber noch weit entfernt.

Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

Ich glaube nicht, dass Bemm wirklich noch experimentell ist. Ich bin sicher, dass es kommen wird, schon aus den oben angeführten Gründen der systemimmanenten Notwendigkeit der „Konsumentenproduktion“ angesichts ruinöser Überproduktion von meist sinnlosen Waren. Es ist ja kein Zufall, dass bürgerliche Zeitschriften, Ökonomen und andere Wissenschaftler das Thema vermehrt aufgreifen. Finnland ist ja trotz der Nähe zu Russland ein bürgerliches Land und ein erster Modellversuch für Bemm. Andere, vermutlich zunächst kleinere Länder werden folgen. In einigen Gebieten Namibias, Indiens oder der Mongolei, in denen  hohe Gewinne aus Rohstoffen mit großer Armut einhergehen, wird diese Art einer Grundversorgung schon praktiziert, um die Bevölkerung zu stabilisieren.

Dass die Formel „Leistung = Lohn“ auch einen christlich-religiösen Aspekt von „Opfer = Erlösung“ hat, kann in der Kürze eines solchen Interviews nur angedeutet werden. Das „repressive Menschenbild“, dass die vertriebene Kreatur im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot erwerben muss, war und ist die Grundlage effektiver Ausbeutung von Arbeitenden.

Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

Alles was die Multis zur weiteren Entwicklung der Produktivität zwingt, und das ist vor allem der Kampf um Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, trägt dazu bei den Widerspruch in der kapitalistischen Produktion offen zu legen. Und dieses Offenlegen ist die Bedingung für eine Umwandlung der Verhältnisse von Gewinnmaximierung für wenige (die berühmten „1%“) zur Bedarfsdeckung aller Menschen (die gedemütigten „99“).

Was ist mit Primaten, Delfinen und Rabenvögeln?

Sie sind herzlich willkommen! Die Delphine (call me old fashioned!) und Wale werden beim Abschied eh sagen „Danke für den Fisch“!

Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

Auch Königinnen, Könige, Prinzessinnen und Prinzen sollten Bemm bekommen!

Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

Was an menschenunwürdiger Arbeit zu automatisieren ist, muss umgehend automatisiert werden. Falls dann noch gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten übrig bleiben, die niemand machen möchte (man wundert sich, was Menschen alles „gerne“ machen, Bügeln, Fegen, Staubsaugen, gibt es alles!), so ist über eine gerechte Verteilung dieser Pflichten nachzudenken. Der Aufwand wäre vermutlich sehr gering, wenn alle sich beteiligen. In André Gorz‘ Wege ins Paradies wird die Belastung des Einzelnen auf wenige Stunden im Monat geschätzt, das müsste machbar sein.

Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten 10(0000) Jahren?

Da es wie oben gezeigt letztlich im Interesse der herrschenden Produzenten von Waren liegt, ist es nicht nur realistisch, sondern sicher bzw. notwendig, dass durch Bemm Konsumenten produziert werden. Wie realistisch dann ein qualitativer Sprung zu einer nichtkapitalistischen Produktionsweise ohne Überproduktion und Gewinnmaximierung ist, steht auf einem anderen Blatt.

Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

Das Geheimnis des Bewusstseins ist, dass es immer und zwar notwendig über sich hinaus geht. Der Beweis dafür ist die obige Frage, denn wer oder was, außer eben ein über sich hinausgehendes Bewusstsein kann sich selbst in Frage stellen?

Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

Salzwasseraufbereitung wird sowieso eine Schlüsseltechnologie werden, da werden die paar Tränchen angesichts der Ozeane nicht weiter ins Gewicht fallen.

Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

Die Frage nach der Freisetzung menschlichen Potentials angesichts einer gesicherten Substistenz ist nicht absehbar, allerdings nur dann, wenn das Bemm nicht nur zur Sicherung des Konsums überproduzierter Waren dient. Solange dieser Wandel im Dienste der bestehenden Herrschaft steht, passiert nicht viel, außer dass die Einschaltquoten für schlechte Unterhaltung steigen.

Also erst wenn die Blödmaschinen abgestellt werden und die freie Entfaltung des Geistes Inhalt einer verantwortlichen Freizeit wird, ist alles möglich. Dann können die Menschen sich um die eigentlich menschlichen Probleme kümmern, wie Liebe, Trauer, Spiritualität, Unbewusstes, Träume und Visionen.

Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

Die wichtigste Konsequenz könnte sein, dass die menschliche Vorgeschichte mit Ausbeutung und Klassengesellschaft übergeht in die wahrhaft menschliche Geschichte, in der es darum geht die wirklich menschlichen Probleme anzugehen. Das Ende des Kapitalismus als Anfang der Geschichte, nicht als Ende!