Erich Fromm: Der Traum ist die Sprache des universalen Menschen. Absurd-dialektisches Exzerpt oder eine hermeneutische Vergewaltigung

Ein Text von 2018, erstellt für ein Treffen zwischen Sandra, Ursula und mir, als wir uns mit den Themen Traum, Klartraum, Narzissmus, Unbewusstes etc. beschäftigt haben. Da er ein gutes Beispiel meiner im nächsten Buch „Absurde Dialektik“ zu erklärenden „Methode“ darstellt, soll er auch online gehen, obwohl er eher für den privaten Gebrauch gedacht war.

  • Das ganze Sprachenzeug lassen wir einfach mal locker weg, da nicht notwendig, sondern vermutlich eher ein Ausdruck der historischen Auseinandersetzung mit dem zentralen Begriff des Diskurses und der Sprache (Habermas, Wittgenstein und so weiter), zumal es ein paar Punkte in der Darstellung gibt, die ich zumindest anzweifeln wollte:
    • Ich glaube nicht, dass die Traumsprache tatsächlich bei allen Menschen fast dieselbe ist, ein Stuttgarter träumt eben doch anders als ein New Yorker
    • Unhistorisch ist der Traum ganz sicher auch nicht, so dass ich auch ziemlich sicher bin, dass ein ägyptischer Pharao nicht von Autos mit Zebras träumt (siehe die letzten Mails zum Thema)
  • Den zentralen Gedanken, aus dem wir unsere persönliche Dialektik als allgemeine Wahrheit erklären wollen, finden wir erst sehr spät im Text, er lautet in meinem „klassischen Exzerpt“: „Im Wachen ist das Schlafbewusste unbewusst, im Schlafen ist das Wachbewusste unbewusst“
  • In unserer Art der absurden Dialektik, die vor allem deshalb absurd ist, weil sie konsequent radikal ist, machen wir daraus als Konklusion: Das (wache) Bewusste ist dem (träumenden) Unbewussten das Gleiche wie das Unbewusste dem Bewusstsein
  • Weiterführend muss dann diese Dialektik noch extremer verdichtet werden im Sinne der Wahrheit, dass Alles nur in seinem aufgehobenen Gegenteil wirklich ist: Das Bewusste ist nur im Unbewussten und das Unbewusste ist nur im Bewussten
  • Aus dieser zugespitzten Essenz aus Fromms Überlegungen ergeben sich nun zwanglos einige Zusammenhänge zu weiteren Beobachtungen Fromms:
    • Der Traum wäre somit wirklich nicht „zu deuten“, sondern lediglich in seiner Dialektik von Bewusstem und Unbewusstem zu verstehen
    • „wir sind vielleicht irrationaler, aber auch weiser, viel einsichtiger als im Wachsein“, natürlich, denn das Bewusste, das Gelernte kommt ja erst hier im unbewussten Träumen zu seiner Wirklichkeit
    • Aus dem gleichen Grund ist der Träumer auch oft kreativer als der Wache, vermutlich ist er es während der nicht erinnerten Traumzeit sowieso und noch viel mehr!
    • Die Definition des Künstlers von Fromm ergibt sich natürlicherweise aus dieser Dialektik, nämlich dass der Künstler der Mensch ist, der schöpferisch ist, obwohl er nicht schläft!
    • In Träumen können wir zu Dichtern werden, siehe etwas weiter unten Goethe
    • Integration von Intellekt und Emotion bei ausgewogener Dialektik von Schlaf und Wachsein, von Traum und Bewusstsein, von Irrationalität und Rationalität, von Dionysos und Apollon
  • Aber darüber hinaus erklären sich auch andere von uns im Verlaufe der Beschäftigung diskutierten Zusammenhänge scheinbar mühelos aus dieser Dialektik:
    • Wenn das Bewusste nur im Unbewussten seine Wirklichkeit erhält, so ist klar, dass es des Schlafes bedarf, um im Träume das Bewusste wirklich werden zulassen, was es erst ist, wenn es auch erinnert wird, ein Bewusstsein, das man mal hatte, aber vergessen hat, ist gar kein Bewusstsein, soviel zu Gedächtnis und Traum
    • Daher ist auch klar, warum Schlafentzug so eine schlimme Folter ist und zu Realitätsverlust führt, weil das Bewusstsein, das ja auch das Ich konstituiert, nicht im Schlaf manifest und wirklich werden kann, daher massive Störung der Persönlichkeit
    • Die gesamten Aspekte des funktionalen Phänomens, zumindest soweit sie mir bekannt sind, werden vor diesem Hintergrund evident: der ungestörte Schlaf ist „traumlos“, aber nur in dem Sinne, dass er nicht bewusst erinnert wird, jeder Einbruch des Realitätsprinzips, von Harndrang über Lichteinfall, Erektion, Hunger, schmerzhaftes Lieben und was weiß ich noch alles, führt zum erinnerten Traum, da Einbruch des Bewussten ins Unbewusste
    • Für den Schlaf, die eigentliche Sphäre des Unbewussten, ist das Bewusste, die äußere Realität die 90%, die das Unbewusste bei Freud für das Bewusste ist (siehe weiter unten)
    • Da der Schlaf/Traum der Bereich des Dionysischen ist, also des Lustprinzips, des Rausches, der Libido, können wir dort ganz glückliches Subjekt sein, aber ohne Ich zu sein
    • Da dieser Zustand angenehm ist, stellt sich natürlich die Frage, warum werden wir überhaupt wach? Siehe Ursulas Hegelinterpretation, die hier anzuschließen scheint
  • Im Wachzustand, als dem Reich der Notwendigkeit, des Realitätsprinzips, des Apollinischen, ist das Unbewusste die meiste Zeit nicht präsent, sowohl historisch (vor Freud) als auch individuell gesehen (bei „normalen“ Menschen ohne nennenswerte Neurosenbildung)
  • So hat Freud recht, dass das Unbewusste das größere ist, als versteckte 90%, die aber nur im Bewusstsein und immer tätig sind (Psychopathologie des Alltags), ohne eben bewusst zu sein oder aufzufallen
  • Wenn das Unbewusste auffällt, dann in den meisten Fällen als Neurose, im schlimmsten Fall als Psychose, wenn das Lustprinzip, das Irrationale die Rationalität überwältigt
  • Allerdings gelingt es großen Psychologen und genialen Künstlern die Dialektik zu etablieren, die Bereiche zu verbinden
  • Umgekehrt wäre also der (erinnerte) Traum die Neurose des Schlafs, während der gesamten Zeit des Schlafens wird geträumt, aber eben wie im „normalen“ Wachzustand ohne Neurose und ohne schöpferischen Aufruhr ohne Verbindung zum Bewussten, sprich ohne die Träume zu erinnern
  • Der Klarträumer wäre somit entweder derjenige, der sich in einem Zustand der permanenten Störung und dem Eindringen des Wachen (Bewussten, Rationalen) in den Traum (Unbewussten, Irrationalen) befindet, oder positiv, der die Dialektik als schöpferischer Astronaut durch den Traum analog zum Künstler im Wachen das Bewusste im Unbewussten am Leben erhalten, sichtbar machen kann
  • Da Klarträumen als etwas angenehmes empfunden wird, scheint das zweite der Fall zu sein, hoffentlich für Don, ansonsten hätte er sich mit einer durchgängigen Klartraum-Nacht der ultimativen umgekehrten Psychose ausgeliefert und wäre nicht „erleuchtet“, sondern „verblendet“
  • Aus der Perspektive des Schlafs wäre Goethe der Klarträumer, sein Werk als dauerhaftes Sein des Unbewussten im Bewussten als sichtbares Ergebnis, ohne „nur“ Neurose oder Psychose zu sein, siehe Eisslers Charakterisierung des Genies als Person, die eine dauernd psychische Störung, sprich ein dauerndes Eindringen des Unbewussten ins Bewusstsein, kreativ und schöpferisch zu wenden weiß
  • Daher können wir zwar alle im Träumen zu Dichtern werden, aber nur Menschen wie Goethe retten es als Genie hinüber, „Über allen Gipfeln ist Ruh‘,“ Wandrers Nachtlied

Mehr konnte ich jetzt in der Kürze der Zeit nicht formulieren, aber ich denke die Stoßrichtung ist klar und wir müssen gemeinsam schauen, was es weiter an Arbeit daran gibt. Es steckt noch sehr viel Potential in dieser Bewegung, wie ich finde.

Für die Leute, die den Aufsatz von Fromm nicht kennen, zum besseren Verständnis, und natürlich um den Unterschied zu meiner Methode zu zeigen, noch eine von mir erstellte „konventionelle“ Zusammenfassung des Inhalts:

Exzerpt Erich Fromm: Der Traum ist die Sprache des universalen Menschen

  • Jeder Mensch spricht seine Muttersprache, vielleicht ein paar Fremdsprachen und zusätzlich eine oft vergessene Sprache: die Traumsprache
  • Die Traumsprache ist universal und überhistorisch, sie kommt in allen Epochen und Kulturen vor
  • Die Traumsprache ist bei allen Menschen fast dieselbe, egal ob in Stuttgart, New York, im pharaonischen Ägypten oder im Busch
  • Diese Sprache wird jede Nacht gesprochen, auch wenn man sich nicht immer daran erinnert
  • Die Traumsprache ist eine Nachtsprache, eine Schlafsprache, als ob wir Französisch nur in der Nacht sprechen könnten und am Tag kein Wort davon verstünden
  • Die Traumsprache ist eine Symbolsprache, was heißt, dass sie in konkreter Form mit Bezug auf sinnliche, fast greifbare Dinge innere Erlebnisse ausdrückt
  • Das Äußere im Traum steht für etwas Inneres, das Ding für ein Erlebnis
  • Analog zu Symbol und Metapher in der Dichtung „Die rote Rose macht mein Herz warm“ als Bezug auf ein Gefühl, nicht auf eine physikalische Größe „Temperatur“
  • Beispiel Herbarium-Traum von Freud: Er träumte davon, dass er ein Herbarium besäße und sich darin eine getrocknete Blume befindet
  • In Freuds Traumanalyse ist es die Lieblingsblume deiner Frau, diese beklagt sich öfter, dass er nie Blumen mitbringt, die Blume hat Ähnlichkeit mit der Coca-Pflanze, stellt also einen Zusammenhang zum Kokainkonsum der Zeit dar
  • Der Traum verrät aber auch etwas Wesentliches über Freuds Persönlichkeit: Blume als Symbol der Sexualität, des Erotischen, des Lebendigen, bei Freud nur vertrocknet zu finden
  • Wir wissen also im Traum viel mehr über uns und auch andere, als uns im Wachsein bewusst ist, wir sind vielleicht irrationaler, aber auch viel weiser, viel einsichtiger als im Wachsein
  • Viele Menschen sind im Traum kreativer als im Wachleben, sie werden zu Schöpfern von Erzählungen, Gedichten, Mythen und mancher Traum kann es mit Kurzgeschichten von Kafka aufnehmen
  • Daher zugespitzte Definition eines Künstlers: ein Mensch, der schöpferisch ist, ohne zu schlafen
  • Am Tag entspricht der Mensch einer bestimmten Kultur, was wir am Tage sagen, hat mit unserer gesellschaftlichen Realität zu tun, ein afrikanischer Nomade spricht über andere Dinge als unsereiner
  • Im Traum aber sprechen wir eine universale Sprache, unabhängig von den Umständen, die Traumsprache ist die Menschheitssprache
  • Unterschied Wachsein und Schlaf: im Wachzustand müssen wir für unser Leben sorgen, arbeiten, das erwerben, was wir brauchen, verteidigen gegen Angriffe, sprich wir müssen „kämpfen und fechten“
  • Als Folge davon müssen wir und einordnen, uns so verhalten, wie es die Gesellschaft erwartet, damit produziert und gearbeitet werden kann
  • Am Tag müssen wir uns vernünftig benehmen, alle Dinge nach ihrer Zweckmäßigkeit betrachten und sich nach dem „gesunden Menschenverstand“ richten: unsere Eltern lieben, den Autoritäten vertrauen, dass sie das Beste für uns wollen und tun
  • Wir zeigen häufig nicht die Gefühle, die wir wirklich empfinden, sondern die, die von uns erwartet werden, die angemessen erscheinen
  • Wir tun, denken und fühlen, was man von uns erwartete, wenn wir wach sind
  • Es folgt ein längeres Traumbeispiel eines Managers zu seinem Verhältnis zum Chef, für mich uninteressant, deshalb hier ausgespart
  • Im Schlafzustand hingegen sind wir frei, ja, nur wenn wir schlafen sind wir frei, das heißt, wir haben keine Verantwortung für unseren Lebenskampf, wir müssen nichts erobern, wir haben nichts zu verteidigen, brauchen uns nicht anzupassen, wir denken und fühlen, was wir denken und fühlen
  • Im Schlaf erlangt das Denken äußerste Subjektivität, wir brauchen nichts zu tun, wir brauchen bloß zu sein, ohne Zwecke
  • Anders ausgedrückt: im Schlaf erscheint das Unbewusste auf der Bühne
  • Im Wachen ist das Schlafbewusste unbewusst, im Schlafen ist das Wachbewusste unbewusst
  • Der Traum ist aber nicht, wie bei Freud, immer nur das Irrationale gegen das Rationale des Wachzustands, oft sind wir auch weiser und einsichtiger im Traum, weil wir ohne Scheuklappen unabhängiger sind
  • Doch selbst im Traum zensieren wir noch, wagen wir nicht, die Freiheit der Träume anzunehmen, wir verändern und verdecken den wahren Trauminhalt, denn man will sich selbst im Schlaf nicht ganz verstehen
  • Daher auch das Vergessen, denn die meisten unserer Träume würden unser Wachleben nur stören und irritieren, gerade weil wir schöpferischer und kreativer sind
  • Es folgt wieder ein langer Managertraum, der dessen Entfremdung ausdrückt, erscheint mir auch nicht interessant und notwendig für uns, daher übersprungen
  • Viele Menschen wären zum schöpferischen Gestalten imstande, aber stehen am Tag sosehr unter dem Druck der Gesellschaft, dass sie nicht den Mut haben sie selbst zu sein etwas zu schaffen
  • Im Traum machen wir uns selbst eine Mitteilung, siehe Talmud: „Ein ungedeuteter Traum gleicht einem ungelesenen Brief“
  • Aber man braucht den Traum gar nicht zu „deuten“, so wenig wie man Chinesisch oder Italienisch deutet, wenn man eine Sprache lernt, man muss sie einfach nur lernen
  • Die Traumsprache zu lernen ist gar nicht so schwer und kann Vorteile haben, kann aber auch Nachteile haben, weil wir gar nicht so viel über uns oder andere wissen wollen, es kann störend sein
  • Aber wir leben reicher, vitaler, stärker, je mehr wir über uns wissen und je weniger Illusionen wir uns machen
  • Zudem denken wir mit dem Erlernen der Traumsprache nicht nur in Begrifflichkeiten, sondern gewinnen ein differenzierteres Verhältnis zu Gefühlen, wir integrieren Intellekt und Emotion
  • Im Träumen können wir alle zu Dichtern werden