Leserbrief als Reaktion auf einen Vortrag von Dr. Schmidt-Salomon

Leserbrief von Dieter Matten (Weywertz)
als Reaktion auf den Vortrag von Dr. Schmidt-Salomon

Unterstützen würde ich sofort die Aussage: „Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!“ obwohl mir das Verb „besitzen“ in diesem Zusammenhang nicht gefällt, die Formulierung Hegels in einem Brief über die „Farben des Geistes“, die ihm das scheinbare Grau des Lebens verschönern gefällt mir als Bild besser. Unbestritten und seit der Religionskritik von Marx auch gut entwickelt ist aber, dass der Versuch das Elend der Klassengesellschaft mit Hilfe von Religion zu ertragen eine alte und eigentlich obsolete Form darstellt. Dennoch bleibt Religion eine mögliche „geistige“ Form der Auseinandersetzung mit den Problemen der menschlichen Gesellschaft.

Dennoch würde ich als erste Hypothese vier Probleme in dem Ansatz vermuten wollen, die es bei der Lektüre weiterer Texte von Schmidt-Salomon als hermeneutisches „Vorurteil“ im Gadamerschen Sinne zu verfolgen gilt:

1. Biologismus (übrigens habe ich die „Entstehung“ des biologistischen Ansatzes in der Soziologie aus erster Hand erlebt bei einem Professor in Düsseldorf in den frühen Achtziger Jahren, daran siehst du, wie es 20 Jahre dauert, bis Inhalte aus der Universität auf der „Straße“ ankommen), wie du auch in deinem Text anmerkst ist das eine große Schwäche, wenn man mit „Genen“, „limbisches System und so einem Kram argumentiert. Hier nur kurz so viel, der Fehler dieser Schule ist im wesentlichen ein erkenntnistheoretischer: dieser Ansatz vergisst zu fragen, von wo aus er Erkenntnisse gewinnt, gibt es einen „Trieb“ oder „Gene“, die den Trieb und die Gene erkennen will, muss, soll?
Es fehlt die historische Einsicht, dass der Mensch natürlich immer so gedacht wird, wie der Stand der Wissenschaften gerade ist (Goethes Faust: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst“) zu Zeiten Rousseaus die Entwicklung der Mechanik = der Mensch ist eine komplexe Maschine aus Zahnrädern, zu Beginn der industriellen Moderne, Entwicklung der modernen Chemie = der Mensch ist ein rein biomechanisches Konglomerat, Computerepoche = Mensch als Produkt oder Teil einer Matrix, Gehirn als Festplatte und all der Quatsch. Und nun eben in der Epoche der Genetik, Mensch = Gen gesteuerter Affe. Dabei zeigt schon das Standardargument der Biologisten gerade die Unrichtigkeit ihrer Axiome: „die genetische Übereinstimmung von Mensch zu Schwein ist 90 %, zum Schimpansen sogar 96 %! Also ist der Mensch im Prinzip genau so wie diese Tiere und sein Verhalten von den gleichen Mechanismen des Triebs und der Biologie geprägt.“ Dabei beweist diese Tatsache der Ähnlichkeit der Gene eher genau das Gegenteil: wenn das Genmaterial zu so hohen Prozentzahlen gleich ist mit Schwein und Affe, ja und sogar zu fast 80 % mit so menschenunähnlichen Tieren wie fast allen Säugetieren, so ist damit doch angesichts des offensichtlichen fundamentalen Unterschiedes zwischen Mensch und diesen Tieren eher gesagt, dass diese Gleichheit der Gene völlig irrelevant dafür sind, zu erkennen, was „menschlich“ und was „natürlich“ ist. Hier irrt Herr Schmidt-Salomon eben, wir sind nicht in erster Linie Naturwesen, wir sind in erster Linie Kulturwesen, die aber natürlich den Naturgesetzen unterliegen. Aber das führt jetzt zu weit.

2. Naturwissenschaft als Religion: der Autor versteht offensichtlich nicht, dass die moderne Naturwissenschaft längst die alten Religionen als „Staatsreligion“ abgelöst hat und er sieht nicht, dass auch er der Doktrin dieser „Wahrheitslehre“ unterliegt. Wir messen geheimnisvolle „Gehirnströme“ und fertigen Landkarten vom Hypothalamus an, um so etwas Komplexes wie das Denken und Fühlen zu „bannen“ und das ist genau das gleiche lächerliche Unterfangen wie in der ausgehenden Scholastik, als dicke Folianten damit gefüllt wurden, wie viele Teufel wohl auf eine Nadelspitze passen, um das Böse begreifen zu lernen.

3. Ethik: es ist natürlich mehr als gewagt, sich hinzustellen und zehn neue „An“-Gebote zu formulieren. Hier zeigt sich das unwissenschaftliche, das populistische und journalistische daran, auch wenn einen ein Verleger darum bittet, sollte man das nicht machen, vor allem nicht, wenn man als eines der Gebote lautet: „Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Es gibt in den modernen Geisteswissenschaften einen komplizierten Dialog über die prinzipielle Möglichkeit einer Ethik, über die Notwendigkeit oder nicht einer solchen und so weiter und so weiter. Hier kommt man nun ohne Dialektik nicht mehr aus, man muss ein historisch-dialektisch-materia listisches Modell höchster Abstraktion entwerfen, um zu einer vielleicht „negativ“ zu nennenden Ethik zu kommen. So wie er es macht, bleibt jede Ethik weiterhin ein mögliches Instrument der Herrschaft, der Unterdrückung, der Ausbeutung, nur mit anderen Regeln.

Als Richtung, als Modell, ohne es hier ganz ausarbeiten zu können, möchte ich, da du es vermutlich kennst, Camus als Referenz angeben. Wenn er in „Der Fremde“ z.B. eine „unethische“ Ethik darstellt, ein Beweis, dass jedes Verbrechen gegen einen Menschen sich gegen alle und damit gegen sich selbst richtet, so ist das großartig. Und dieser Gedanke wird in anderen Texten sogar auf den Selbstmord in imponierender Manier ausgeweitet. Oder wenn er im „Mensch in der Revolte“ aufzeigt, dass der Kampf des Menschen gegen das Allgemeine zwar das Großartigste ist, was es gibt, dass es aber ein Grundfehler des Menschen ist, zu meinen, dass er einem Allgemeinen „dienen“ könne, so sprengt diese Argumentation das 4. „An“-Gebot: „Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!“ (wer bestimmt da eigentlich, was die durchzusetzenden „Ideale der Humanität“, für die man schon einmal einen umbringen darf, sind?). Man beachte auch hier die radikale („radikal“ im Wortsinne von „Wurzel“, siehe Leo Kofler (aus dem Kopf zitiert): „radikal sein bedeutet die Sache an der Wurzel zu fassen und die Wurzel des Menschen ist der Mensch“) Position von Albert Camus als es um die Frage des Widerstands gegen die NS-Besatzung ging oder die Algerienfrage, zwei Punkte, die zu seinem Bruch mit den französischen Kommunisten und den meisten Linksintellektuellen in Frankreich geführt hat.
Wie Camus es immer wieder (vor allem im Sisyphos) schafft, eine dialektische Position der Großartigkeit versus Absurdität menschlicher Existenz eher literarisch als trocken wissenschaftlich einzunehmen ist beeindruckend und auch für jeden lesbar ohne ganz große humanistische Vorbildung. Und auch hier haben wir „eine Welt ohne Gott“, aber eben doch eine Welt der Transzendenz, des Allgemeinen, der Wahrheit, der man aber nun einmal sich nicht einbilden darf dienen zu können ohne „philosophischen Selbstmord“ zu begehen.


4. Dialektische Totalität: eigentlich sind die drei obigen Punkte der Kritik allesamt Resultat der mangelnden dialektischen Ausrichtung des Autors. Einzelne Ansätze und Anregungen sind sicher berechtigt und gut erkannt, aber es fehlt das Einbinden in einen umfassenden historischen Erklärungsansatz. So stellt es sich für mich so dar, dass er als Atheist gegen die Kirsche und den Glauben eine weitere, vielleicht neuere, vielleicht modernere, vielleicht wissenschaftlichere, vielleicht sogar bessere Position behauptet, die aber eben eine Position bleibt. Wie der Autor selber anführt sieht er sich in der Geschichte des „Kritischen Rationalismus“ und das ist nun einmal eine letztendlich positivistische und trotz des Namens „unkritische“ Methode des bürgerlichen Liberalismus.
Mein Anspruch wäre es, die Wahrheit in allen diesen verschiedenen Auseinandersetzungen mit der Welt, mit dem Allgemeinen zu finden. Also in allen Religionen, in allen Wissenschaften, in der Kunst, im Drogenkonsum, in der Dekadenz, in der Dummheit, was auch immer. Den „ größten gemeinsamen Teiler“ (GGT) und dann vielleicht sogar das „kleinste gemeinsame Vielfache“ (KGV) zu finden bleibt die Aufgabe, will man den Menschen als ein widersprüchliches, historisches, freies, denkendes, fühlendes Wesen wirklich „begreifen“. Also „Erkenne dich selbst“ am Ende, mit all den Einschränkungen der Selbstreferenz.

Nach den ersten Eindrücken würde ich sagen, dass der Autor seinen Namen sehr zu recht trägt, mal ist er ein wenig ein „Herr Schmidt“ mit einfach gestrickten oberflächlichen Konstruktionen und dann ist er auch beinahe ein „Salomon“ mit differenzierter Einsicht in die Zeit, womit wir wieder bei der Dialektik sind und der Frage nach dem Widersprüchlichen und wie es vom einzelnen Menschen auszuhalten ist. Geht das überhaupt ohne so etwas wie „Religion“? Er hat ja recht, dass die Antwort des Christentums nun wirklich eine sehr alte ist und daher natürlich nicht mehr funktionieren kann, zumal sie eine Herrschaftsideologie ist (haben wir ja schon oft thematisiert und das sagt der Autor ja auch richtig, alle bestimmenden Werte der heutigen Zeit der „Menschenrechte“ sind eben nicht von der Kirche ausgegangen sondern eher gegen diese von der Aufklärung, vom französischen und deutschen revolutionären Humanismus). Aber was setzt er denn dagegen? Ein biologistisches, liberalistisches, hedonistisches, moralistisches und doch wieder religiöses Gebilde mit modernem Anstrich.

Dieter Matten