Text an eine „Rechte“

Eine Antwort auf einen Forumsbeitrag von 2002, leider heute aktueller denn je!

Hallo Tina,

darf ich dich fragen, wie alt du bist und wo du wohnst? Das würde mir helfen, zu verstehen, woher deine Angst kommt, die du in deinem Mail eindrucksvoll zum Ausdruck bringst. Bis dahin will ich versuchen dein Mail ernsthaft zu analysieren und einen Weg zur Wahrheit (die immer eine ungeteilte ist) suchen.

Im ersten Abschnitt formulierst du deine Befürchtung, dass deine Meinung, dein Standpunkt nicht gefragt ist, dass dir das Wort im Munde herumgedreht wird und kein Verständnis für deine Sicht auf die Wahrheit da ist. Dieser „Sicherheitsabschnitt“, in dem du dich gegen das absichern willst, was wahrscheinlich als Gegenargumente kommen wird, zeigt, dass du diese Erfahrung schon öfter gemacht hast, dass dir mit fadenscheinigen „politisch korrekten“ Phrasen deine Position niedergemacht wurde. Diese erlebten Kränkungen lassen dich schon mal vorab schroff werden, Härte signalisieren, eine Mauer bauen. Das zeigt einen charakterlichen Wesenszug, den ich für sehr positiv halte, nämlich den Willen, nicht einfach die Dinge zu übernehmen, die man nun einmal gerade so sagt, sagen darf, die „angesagt“ sind. Wenn du im Verlauf unserer Diskussion Hinweise dafür findest, dass ich mich unfair oder undifferenziert äußere, dann sprich das deutlich an, damit ich es präzisieren kann.

In zwei Sätzen schreibst du, dass du rechtsgerichtet seiest aber nicht Gewalt verherrlichst. Das zweite ist ja schon einmal von entscheidender Bedeutung, das erste wäre zunächst einmal zu präzisieren. Was bedeutet es eigentlich genau „rechts“ zu sein? Woher diese seltsame lokale Vokabel für eine politische Orientierung herkommt, weißt du sicher, es hatte mit der Sitzverteilung im Parlament des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu tun, weil dort die Parteien so angeordnet waren, dass die konservativen und reaktionären Parteien rechts vom Rednerpult saßen und die sozialistischen oder kommunistischen Parteien links. Im Deutschen Bundestag ist das im Prinzip bis heute so geblieben und zwar so deutlich, dass die einzige mit etwas Recht „links“ zu nennende Partei inzwischen ganz links auf dem Gang auf Klappstühlen zu sitzen hat (PDS). Streng genommen sind aber die anderen Parteien alle „Rechte“, denn es gibt keine linke Partei von Bedeutung mehr in Deutschland. Es ist ja kein Zufall, dass alle sogenannten „Volksparteien“ sich um die sogenannte „Mitte“ streiten, die aber eben eine bürgerliche Mitte ist, also strenggenommen eine reaktionäre, nicht um grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft bemühte ist. Doch das meinst du sicher nicht, wenn du sagst, dass du „rechtsgerichtet“ bist.

Du meinst mit dieser Aussage sicher, dass du mit der politischen Tradition sympathisierst, die es erst seit den späten 20-er Jahren gibt und die aus dem italienischen Faschismus entstanden ist, also mit der NSDAP in der Weimarer Republik und später im Dritten Reich und mit der NPD und deren Splittergruppen in der Bundesrepublik, was man den Neofaschismus nennt. Wenn ich richtig mutmaße, dann sind dir dort diejenigen Inhalte wichtig, die vermeintlich die nationale Kultur abschottet gegen Fremde, gegen Ausländer, gegen Außenseiter, gegen Subversive etc. Eine Position, die eine einfache Lösung für die Probleme der Gesellschaft anbietet, nämlich die Besinnung auf eine „nationale“ Identität und Einzelheit, die dann mit den Schwierigkeiten fertig werden könnte. Es wird also suggeriert, dass die Konflikte von außen, von den „Eindringlingen“, von den „Fremden“ in das Land getragen werden.

Im nächsten Abschnitt präzisierst du ja dann auch deine Position an einem nachvollziehbaren Beispiel. Du schreibst von Obdachlosen, Bettlern, Pennern, Asozialen, Drogenabhängigen. Weist du mit dieser Auflistung nicht schon in die Richtung, wo das wirkliche Problem liegt? All diese Gruppen haben etwas mit Armut, Verelendung, sozialem Abstieg, Einsamkeit, Außenseitertum zu tun. Woher kommen denn diese Gruppen? Wird man als Obdachloser geboren? Übrigens eine Position, die „echte“ Nazis vertreten würden, da sie die Biologie zum Grund für Elend erklären, für sie waren diese Menschen „Volksschädlinge“, also wie Ungeziefer, von Natur aus nicht lebenswerte Geschöpfe. Niemand rutscht freiwillig ins Elend, die Gesellschaft muss so sein, dass sie durch Wettbewerb, menschliche Kälte und Ignoranz den Einzelnen überrollt und ihm keine Chance lässt.

Dass Neger und Türken in deiner Wahrnehmung immer in „Horden“ auftauchen, lässt mich vermuten, dass du in einem großstädtischen Umfeld wohnst, denn dort ist das aus gutem Grund zu beobachten. Auch diese dir fremden Menschen haben Angst und schotten sich ab, gettoisieren sich scheinbar freiwillig. Zudem sind sie schon durch ihre Existenz als Flüchtlinge häufig sozial von vorneherein in eine elende Position gestellt, sie dürfen nicht arbeiten, werden ausgegrenzt, müssen mit Essensmarken einkaufen gehen, erfahren jeden Tag am Leibe, dass sie nicht dazu gehören sollen. Dass dort Aggressionen entstehen, die sich dann auch gegen dich entladen können, wirst du sicher nachempfinden können. Womit ich dieses Verhalten nicht rechtfertigen will, nur versuchen, es zu verstehen. Ebenso wie ich deine Position nicht rechtfertige, aber auch da versuche ich zu verstehen, zu begreifen, wie sie entsteht und in dieser schlechten Gesellschaft entstehen muss.

Jetzt ist die Antwort schon recht lang geworden, deshalb breche ich hier ab und warte auf deine Erwiderungen. Soviel nur noch an dieser Stelle: lass dir deine Persönlichkeit nicht brechen, sondern im Gegenteil stärke sie wie du nur kannst, damit du irgendwann nicht mehr solche Angst haben musst und die Dinge mit Distanz sehen kannst. Schließlich noch der Hinweis, dass der Niedergang der Kultur gerade in Deutschland genau nichts mit den Fremden zu tun hat, sondern mit einer kunst- und kreativitätsfeindlichen Kulturpolitik über 20 Jahre, die jede Innovation unmöglich macht.

Ich möchte auch nicht versäumen dir zu versichern, dass ich nicht glaube, dass du wirklich „rechts“ bist, wenn du dir die Konsequenzen deutlich machst. Stell dir eine rechte Gesellschaftsordnung vor und du wirst sicher nicht darin leben wollen. Das Individuum zählt nichts darin, der Einzelne hat sich jederzeit dem „Volkskörper“, der „Nation“ unterzuordnen, jede Abweichung von einer fest definierten Norm wird zur Entartung erklärt, jede kritische Stimme wird politisch verfolgt. So ein streitbarer, mutiger und freiheitsliebender Charakter wie du, könnte das nicht ertragen, da bin ich ganz sicher. Such dir die Feinde da, wo sie wirklich sind, frage dich mal, wer Schuld ist an dem Elend in unserer westlichen Welt, wer die Nutznießer des alles verschlingenden Wettbewerbs sind.

Mit lieben Grüßen, ohne „Gesinnung“ (ein schreckliches Wort),

Dieter