Fahrt zum Menschen, Straßburg 2007

MENSCH

Fahrt zum Menschen, Straßburg 2007

Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch —:
geht doch mit anderen Tieren um!
Mit siebzehn Jahren Filzläuse,
zwischen üblen Schnauzen hin und her,
Darmkrankheiten und Alimente,
Weiber und Infusorien,
mit vierzig fängt die Blase an zu laufen —:
meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde
von Sonne bis zum Mond —? Was kläfft ihr denn?
Ihr sprecht von Seele — Was ist eure Seele?
Verkackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett —
schmiert sich der Greis die mürben Schenkel zu,
und ihr reicht Fraß, es in den Darm zu lümmeln,
meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück…?
Ah! — Aus erkaltendem Gedärm
spie Erde wie aus anderen Löchern Feuer,
eine Schnauze Blut empor —:
das torkelt
den Abwärtsbogen
selbstgefällig in den Schatten.

Gottfried Benn

Arnold Gehlens Anthropologie in Stichworten

(Quelle: Arnold Gehlen: Anthropologische Forschung, Rowohlt 1961)

1. Mängelwesen:

1. Er ist <organisch mittellos>, ohne natürliche Waffen, ohne Angriffs- oder Schutz- oder Fluchtorgane, mit Sinnen von nicht besonders bedeutender Leistungsfähigkeit, denn jeder unserer Sinne wird von den <Spezialisten> im Tierreich weit übertroffen. Er ist ohne Haarkleid und ohne Anpassung an die Witterung, und auch viele Jahrhunderte Selbstbeobachtung haben ihn nicht belehrt, ob er nun eigentlich Instinkte hat und welche. Man hat dies schon lange bemerkt, und Herder (1772) sowie; Kant (1784) haben darauf hingewiesen. Erst neuerdings aber ist unter Führung des verstorbenen Amsterdamer Anatomen Bolk eine Theorie zur Entwicklung gekommen, die alle besonderen menschlichen Baumerkmale unter dem Gesichtspunkt der <Primitivität> begreift. Man versteht darunter einmal die Tatsache, daß gewisse Organbesonderheiten, wie das lückenlose Gebiß, die fünfgliedrige Hand und andere <archaisch>, d.h. entwicklungsgeschichtlich alt sein müssen, daß sie nur als Ausgangspunkte von Spezialisierungen verständlich sind, wie wir sie bei Großaffen (Herausentwicklung des Eckzahnes, Verkürzung des Daumens) finden; sodann die andere, daß weitere Besonderheiten (Haarlosigkeit, Schädelwölbung mit untergesetztem Gebiß, Struktur der Beckenregion usw.) als fixierte, dauerhaft gewordene Foetalzustände zu verstehen sind. Diese <Retardation>, der der Mensch einen sozusagen embryonischen Habitus verdankt, ist ein höchst wertvolles Erklärungsprinzip, weil sie auch andere menschliche Eigenheiten verstehen läßt, vor allem die unverhältnismäßig verlängerte Entwicklungszeit, die lange Hilflosigkeit der Kleinkindphase, die späte Geschlechtsreifung usw. Die Gesamtheit dieser Merkmale faßt man unter dem Begriff der <Unspezialisiertheit> zusammen, und daher stammt die Berechtigung, den Menschen in einen beschreibenden und vergleichenden Gegensatz zum Tier zu bringen, vor allem zu seinen nächsten Verwandten, den ja sehr hoch spezialisierten Großaffen. Vergleicht man wissenschaftlich/ d. h. undogmatisch, so wird man erwarten müssen, daß die Vorfahren des Menschen Großaffen von vergleichsweise sehr viel mehr <menschlichem> Habitus als die jetzigen gewesen sind und daß diese ganze Entwicklungslinie durch die sonst nirgends vorhandene Herrschaft eines Prinzips bestimmt ist, das sich in viel geringerem Grade auch sonst finden läßt und das unter verschiedenen Bezeichnungen (Bolks Retardation, Schindewolfs Proterogenese) näherungsweise gefunden ist: eben ein <Festhalten> entwicklungsgeschichtlich alter oder individualgenetisch früher, jugendlicher bzw. embryonaler Merkmale.

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Die Anthropologie Leo Koflers in Stichworten

(Quellen: 1 und 2 = Leo Kofler, Vergeistigung der Herrschaft (früher missverständlich „Marxistische Staatstheorie“), Materialis Verlag 1986; 3 bis 10 = Leo Kofler, Aggression und Gewissen, Reihe Hanser 116, 1973)

1. Bewusstsein, Selbstverwirklichung, Freiheit

Gleichsam als Mittelpunkt der Marxschen Anthropologie gibt sich seine Lehre von der „Selbstverwirklichung des Menschen“ zu erkennen. Ihre Bedeutung liegt in ihrem humanistischen Optimismus. Sie besagt folgendes: Es ist dem mit Bewußtsein begabten Menschen angemessen, nicht nur wie das Tier nach einfacher Erhaltung des Lebens zu streben, sondern die in der Tatsache der Bewußtseinsbegabtheit begründete Anlage zu einer stets fortschreitenden (wenn auch niemals „endlich“ zu erreichenden, wie Engels energisch betont) gesellschaftlichen wie individuellen Weiter- und Höherentwicklung zur Triebkraft des gesetzlichen Prozesses zu machen.

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Das Prinzip des asketischen Eros und das repressive Menschenbild

Das Prinzip des asketischen Eros
Für das spätbürgerliche Bewußtsein ist die Enttabuisierung traditioneller Vorstellungen und die Durchbrechung traditioneller moralischer Bindungen zum Hauptmerkmal der Freiheit geworden. Der Neigung zur Enttabuisierung steht aber wegen der Begrenztheit der Mittel die andere Neigung zur Rationalisierung entgegen. Im Kampf dieser beiden Tendenzen siegt ebenso oft der asketische Rationalismus über den Hang zum erotischen Genuß wie dieser über jenen. Der irrationale Drang nach Benützung der durch die moderne bürgerliche Freiheit für den Bereich des Privatlebens gängig gewordenen erotischen Ventile steht in Widerspruch zu der als asketisch anzusprechenden rationellen Selbstbeschränkung. Diese Selbstbeschränkung hat ihr dialektisches Pendant überraschenderweise im modernen Konsumstreben, das die asketische Tendenz auszuschließen scheint: Gerade um in einer von der Konsumindustrie den Massen eingeimpften und dem Bedürfnis nach Enttabuisierung entgegenkommenden Weise konsumieren zu können, muß eine die Kräfte weitreichend rationalisierende Askese damit Hand in Hand gehen (man denke zum Beispiel an die weitverbreiteten Abzahlungen und Verschuldungen). Genuß auf Kosten künftigen Genusses und Verzicht zugunsten künftigen Genusses bedingen einander. Diese Dialektik des Kon-
sums und des Genusses bildet einen Spezialfall der Dialektik des falschen Bewußtseins. Ist der gesteigerte Konsum in der hochkapitalistischen Gesellschaft nur ein Spezialfall der Beschränkung auf jenes Maß des Konsums, das der unterdrückte Mensch nicht überschreiten darf, soll er dem dauernden Anreiz zur Steigerung im Dienste des willigen Arbeitsvollzugs folgen, so ist das Bewußtsein der Teilnahme an diesem Konsum nur ein Spezialfall des herrschenden ideologischen Scheins, der irreführenden Täuschung, die mit diesem Bewußtsein identisch ist… Konsum um des Konsums willen wird zur Schranke statt zur Bedingung der Freiheit, und wo sich an ihn das Streben nach erotischer Befreiung anschließt, doch nur zum Schein, da der Widerspruch zur berufsgebundenen repressiven Lebensform einerseits und zur rationalisierenden Askese andererseits seine Verwirklichung verhindert. Die widersprüchliche Dialektik des Konsums besteht also darin, das Bewußtsein durch Steigerung des Konsums in mäßigen Grenzen zu manipulieren, das heißt, ihm Befreiung von Zwang und Enge vorzutäuschen zu dem Zweck, durch gleichzeitige Begrenzung des Erstrebten auf das Maß, durch das das Individuum sich gezwungen sieht, zu seiner Verwirklichung immer größere Opfer zu bringen, es um so gewisser an die Erfordernisse des repressiven Prozesses zu fesseln.
Leo Kofier, in: Der asketische Eros, Wien: Europa Verlag 1957

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„Mit einer Zehe im echten Reich der Freiheit stehen“

(Quelle: Psychologie heute, Zeitschrift 9. Jahrgang, Nr. 1, Januar 1982)
(… D.M.)
PH: Was ist für Sie eine sinnvolle Sozialpsychologie?
Kofler: Ich habe hier an der Bochumer Universität ein ganzes Semester lang versucht, eine Vorlesung über Soziaipsychologie zu halten, mit dem – auch für mich – überraschenden Ergebnis, daß es Sozialpsychologie im engeren Sinne außerhalb der Ideologiekritik gar nicht geben kann! Sondern daß Sozialpsychologie nur darin besteht, ideologische Prozesse zu begreifen als etwas, das sich über das Subjekt – also den einzelnen Menschen – und durch das Bewußtsein hindurch vollzieht. Im Gegensatz zur traditionellen dialektischen Soziologie legt eine so verstandene Sozialpsychologie ihr Augenmerk mehr auf das Subjekt und versucht, von der subjektiven Seite her ideologische Prozesse nachzuvollziehen. Dann kommt man allerdings zu neuen, erstaunlichen Ergebnissen.

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Der Versuch einer Annäherung an den Begriff der Aufklärung bei Kant

DER VERSUCH EINER ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF DER AUFKLÄRUNG BEI KANT
Dieter Matten

  1. Einleitung
    Ziel dieser kleinen Arbeit soll es sein, in einige grundlegende Prinzipien des Denkens Immanuel Kants einzuführen und die wichtigsten Zusammenhänge, die um die Frage nach Wesen und Zweck der Aufklärung und deren Verknüpfung mit der Frage nach dem Wesen des Menschen gehen, aufzuzeigen und verständlich zu machen. Die Texte, in denen Antworten auf diese Fragen gesucht werden sollen, sind vor allen Dingen die beiden kurzen Schriften „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ von 1784 und „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte von 1786. In diesen Aufsätzen entwickelt Kant sowohl das Programm der Aufklärung, als auch ihre Notwendigkeit aus der wesenhaften Natur des Menschen als vernunftgebrauchendes Geschöpf. Während der erste Text den Weg aufzuzeigen versucht, wie der Mensch aus der Unmündigkeit durch den Gebrauch seines Verstandes fliehen kann, wird im zweiten gezeigt, daß der Mensch „aus diesem einmal gekosteten Stande der Freiheit“ (1,S.89), den er eben durch seine Vernuft erlangte, nie wieder in den Zustand der „Dienstbarkeit (unter der Herrschaft des Instinkts)“ zurückkehren kann. Daß also die Vernunft den Menschen dazu treibt, immer vorwärts zu gehen und nicht in einen unmittelbaren, Natürlichen Zustand1 zurückzugehen. Hier finden wir den großen Fortschrittsgedanken des 18. Jahrhunderts formuliert, der uns heute noch, vielleicht mehr als zu Kants Zeiten, so vertraut ist, und das moderne Denken bestimmt.
    Im Rahmen einer solchen Proseminararbeit muß die Untersuchung solch fundamentaler Dinge sich in Bescheidenheit üben, und darf nicht mehr versprechen, als auf dem knappen, zur Verfügung stehenden Raum möglich ist. Ganz besonders gilt dies, wenn es um einen Denker mit der Bedeutung Kants in der Philosophiegeschichte geht. Der 1724 in Königsberg geborene, der bis zu seinem Tode im Jahre 1804 seine Geburtsstadt nicht verlassen hat, gilt als Begründer des transzendentalen subjektiven Idealismus und als erster Vertreter der deutschen klassischen Philosophie. Darüber hinaus bemerkt niemand anderer als Karl Marx, daß „Kants Philosophie mit Recht als die deutsche Theorie der französischen Revolution zu betrachten“ (2,S.80) ist. In der Tat finden wir bei Kant explizit die Ideen der großen bürgerlichen Revolution, insbesondere die Idee der Freiheit, entwickelt.
    Dieses bedeutende Verdienst Kants wird auch von G.W.F. Hegel in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ gewürdigt, was angesichts der theoretischen Abgrenzung Hegels von Kant besonderes Gewicht erhält. Der Vollender des objektiven Idealismus1 Hegel schreibt dort über die Philosophie des Meisters des ’subjektiven Idealismus’, „daß das Wahrhafte der Kantischen Philosophie ist, daß das Denken als konkret in sich, sich selbst bestimmend aufgefaßt ist; so ist die Freiheit anerkannt. “ (4,S.331;Hervorhebung D.M.) Weiter formuliert er, angesichts der Tatsache, daß die Ideen Kants und Rousseaus in Frankreich zur welthistorischen Tat geschritten sind, daß im Gegensatz dazu, „der deutsche Kopf eher seine Schlafmütze ganz ruhig sitzen (läßt) und (…) innerhalb seiner (operiert). Das letzte Resultat der Kantischen Philosophie ist die Aufklärung.“ (a.a.O. S.332)
    Außer an dieser historischen Bedeutung Kants, läßt sich die Größe seines Werkes an der überwältigenden Rezeptionsgeschichte, die vor allem seine Hauptwerke der sogenannten ‚kritischen Phase1 nach sich gezogen haben, erkennen. Diese Bücher, die bis heute nichts an Kraft und Aussagefähigkeit verloren haben, sind „Kritik der reinen Vernunft“(1781),“Kritik der praktischen Vernunft“(1788) und „Kritik der Urteilskraft“(1790). Eine große Zahl der bedeutendsten Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts beziehen sich ausdrücklich auf Kantische Kategorien oder können doch zumindest den Einfluß Kants nicht leugnen. Autoren wie Riehl, Max Weber und Simmel, sowie die Marburger Schule mit Natorp und Cassirer, bis hin zu Husserl und Heidegger und in deren Gefolge die Frankfurter Schule und schließlich Jürgen Habermas, geben ein eindrucksvolles Zeugnis der ungebrochenen Kraft des Kantschen Denkens bis in unsere Zeit. Angesichts dieser beeindruckenden Bedeutung Kants kann diese Arbeit nur verstanden werden als der Versuch, einen Fuß in die Tür zum riesigen Denkgebäude Immanuel Kants zu setzen, um die weitere Auseinandersetzung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.
  2. Versuch der Erläuterung und Analyse des Textes: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“
    Gleich im ersten Satz des Textes gibt Kant eine erste Definition dessen, was Aufklärung sei:
    „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“.(1,S.53) Diese Aussage gibt im wesentlichen vier Thesen wieder, die das philosophische Gerüst des Aufsatzes bilden:

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Texte zur Fahrt nach Straßburg 2007

Im Jahr 2007 fuhr ich gemeinsam mit meinem guten Freund Bruno Dannemark nach Straßburg im Elsass. Ich hatte gehofft auf dieser Fahrt das Interesse für Theorie in dem gelernten Historiker wecken zu können. Daher habe ich einige Texte zusammengestellt, die wir dann gemeinsam lesen und diskutieren wollten. Die Aktion hatte zwar nicht ganz den gewünschten Effekt, aber ich glaube noch immer, dass die Auswahl sehr gut ist für ein verlängertes Wochenende, um einen ersten Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten zu vermitteln. Die Texte kommen aus verschiedenen Quellen, aus Seminaren meines Lehrers Dietrich Garstka, aus Referaten und Hausarbeiten aus meiner Studienzeit und öffentlichen Quellen wie Radiomitschriften und Zeitschriftenartikel. Hier die Liste der Texte, die ich einmal als Beiträge zur direkten Online-Lektüre anbiete und als PDF-Dateien zum Download:

  • Deckblatt „Fahrt zum Menschen, Straßburg 2007“ mit einleitendem Gedicht von Gottfried Benn
  • Anthropologie Arnold Gehlens in Stichworten
  • Anthropologie Leo Koflers in Stichworten
  • Das Prinzip des asketischen Eros und das repressive Menschenbild, Kernbegriffe der marxistischen Anthropologie Koflers
  • Mit einer Zehe im echten Reich der Freiheit stehen, ein Interview mit Leo Kofler aus Psycholgie heute
  • Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen? Radiostreitgespräch Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen
  • Einführender Text zu Kant von Dieter Matten, als abrundendes Kontrastprogramm am Ende